Portrait: Prypjat, die verseuchte Stadt – ein Erfahrungsbericht

Unser Fotograf Norbert „Nobbo“ Reith hat sich Anfang Oktober 2016 auf die Reise in die Ukraine begeben. Genauer gesagt in die verseuchte und verlassene Stadt Prypjat und damit mitten in die Sperrzone rund um das havarierte Atomkraftwerk Tschernobyl. Dort kam es am 26.04.1986 zum Super-GAU, als es bei einer Simulationsübung eines kompletten Stromausfalls im Reaktorblock 4 zu einem unkontrollierten Leistungsanstieg kam und dieser infolgedessen explodierte. Tonnen radioaktiven Materials wurden dabei in die Umgebung geschleudert und verseuchten diese auf Jahrzehnte.

Die nahe gelegene Stadt Prypjat liegt inmitten des 30km Sperrradius, der rund um das Kraftwerk gezogen wurde, und musste von den Bewohnern nach dem Unglück fast fluchtartig verlassen werden. Fast alle der 44.000 Einwohner, sowie viele der Bewohner aus der Umgebung (insgesamt rund 350.000 Menschen) sind in den Tagen und Wochen nach dem Unglück geflohen. Bis heute ist die Stadt verlassen. Wohnungen, die aussehen als wären sie eben noch bewohnt gewesen. Klassenzimmer wie leer gefegt. Leerstehende Krankenhäuser, Bürogebäude und Einkaufszentren. Überall noch Zeichen des Lebens vor der Flucht. Prypjat ist heute eine Geisterstadt.

Einige Menschen starben bereits bei dem GAU, der überwiegende Teil der Toten war aber auf die freigesetzte Strahlung und die dadurch verursachten Krankheiten (vor allem die unzähligen Arten von Krebs) zurückzuführen. Wie viele Tote genau das Unglück forderte und durch die Spätfolgen der Verstrahlung eventuell auch noch fordern wird, ist nicht genau bekannt.

Heute liegt der Reaktor hinter einem meterdicken Betonkasten verborgen, dem sogenannten Sarkophag. Doch die Gefahr, die von ihm ausgeht, ist noch immer aktuell. Dieser Gefahr hat sich auch Nobbo ausgesetzt, als er Prypjat und Tschernobyl besuchte und wir haben unserem mutigen Kollegen via Telefon dazu ein paar Fragen gestellt.

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Oberirr: Wie kommt man auf die Idee nach Tschernobyl/Prypjat zu fahren, um dort zu Fotografieren? War es schon länger dein Wunsch/Plan, oder eher spontan? Und warst du schon einmal in Prypjat?

Nobbo: Ja das ist das Thema… man hat als Fotograf einfach auch das Interesse an Lost Places. Sie sind immer sehr schön zu Fotografieren. Ich hab dann mal auf Facebook nach Gruppen gesucht. Irgendwann wurde mir dann eine Seite von einem Lost Place Reiseveranstalter vorgeschlagen, der auch Prypjat/Tschernobyl auf dem Plan hatte. Daraufhin hab ich eine gute Freundin von mir gefragt, ob sie denn nicht Interesse hätte mit mir da hin zu fahren. Sie war Feuer und Flamme und wär am liebsten sofort losgefahren. Das hat dann leider aus anderen Gründen nicht funktioniert. Also habe ich  die Reise allein gebucht und mir gesagt „Ich mach das jetzt einfach mal!“. Das war dann das erste Mal, dass ich los bin. Das zweite Mal war ich dann dort, weil mir das erste Mal schlichtweg so gut gefallen hat.

Oberirr: Du hast schon kurz erwähnt, dass du über einen Reiseveranstalter gebucht hast. Magst du das noch weiter ausführen?

Nobbo: Gern, denn die Reise über den Veranstalter ist auch schon ein Teil des Abenteuers. Das erste Mal bin ich bis nach Warschau in Polen geflogen, um mich dort in einen Bus zu setzen, der bis nach Kiew gefahren ist. Das Zweite mal bin ich mit dem Zug nach Berlin gefahren und ab da ging es weiter mit dem Bus nach Kiew. Es ist nicht wirklich ein großer Bus. Es ist ziemlich eng. Man muss diesen Teil der Reise wirklich schon als Teil des Abenteuers sehen, denn sonst tut man sich das nicht wirklich gerne an. Der Reiseveranstalter bietet aber auch die Alternative an bis nach Kiew zu fliegen und sich dort im Hotel der Reisegruppe anzuschließen.

Oberirr: Das Stichwort Sperrzone – wie kann man sich das vorstellen?

Nobbo: Es gibt zwei Zonen, die wie mit dem Zirkel um den havarierten Block im Kraftwerk Tschernobyl gezogen wurden. Die innere Zone ist ein 10km Radius, die äußere ein 30km Radius. Da es sich immer noch um ein militärisches Sperrgebiet handelt, werden auch Passkontrollen durchgeführt. Nur vorab angemeldete Personen können die Sperrzone betreten. Und nach 22 Uhr gibt es eine Ausgangssperre, das heißt bis dahin müssen alle wieder draußen sein.

Oberirr: Abgesehen von den Passkontrollen und der Anmeldung, braucht man ein Visum?

Nobbo: Ja, man braucht ein Visum für die Ukraine. Und für die Sperrzone muss man, wie gesagt auf dieser Anmelde-Liste stehen. Das wird auch durch den Reiseveranstalter gemacht.

Oberirr: Wie ist der Reise-Ablauf?

Nobbo: Man kommt mit dem Bus an die Passkontrolle, die durch das militärische Personal durchgeführt wird. Dann fährt man auch schon die Locations an, die vom Veranstalter angeboten werden. Erst abends ist man das erste Mal im Hotel zum Check In. Man setzt sich mit den Mitreisenden zusammen, isst, trinkt ein Bier oder köpft eine Flasche Wodka. Und am nächsten Morgen geht es dann wieder los in die Zone.

Oberirr: Wenn man dann in der Zone ist, wie fühlt man sich durch die Geisterstadt zu laufen mit dem Wissen was dort geschehen ist?

Nobbo: Das ist immer ein wenig abhängig davon, welche Location man vor sich hat. Wenn man jetzt in die Kindergärten oder Schulen geht und dort das Spielzeug der Kinder liegen sieht, dann ist man schon ein wenig wehmütig. Aber wenn man durch die leeren Fabriken und Straßen geht, dann hat man nicht so den Bezug zu dem Thema. Primär ist das Ganze dort eigentlich nur noch eine verlassene Fabrik. Etwas das man auch in Deutschland findet. Anders gesagt: es könnte genauso gut woanders stehen. Man hat dort nicht gleich so auf dem Schirm, dass das Unglück Familien auseinander gerissen und so viele Leben gekostet hat. Im Krankenhaus hingegen schon. Dort ist es besonders komisch, weil man hier sehen kann, dass das Ganze von heute auf morgen einfach verlassen worden ist. Da liegen noch Medikamente und Spritzen… da liegt einfach noch alles in den Räumen. Besonders heftig ist der Keller des Krankenhauses. Dort liegt die Kleidung der Liquidatoren („Beseitiger“). Und obwohl es keine Schranken oder Barrieren gibt und man ihn theoretisch nach wie vor betreten könnte ([EDIT] Mittlerweile nicht mehr, er wurde zugeschüttet, weil die Strahlung zu hoch ist und sich manche Abenteurer nicht fern halten konnten), ist er eine Tabu-Zone und der Veranstalter hat auch empfohlen sich von dem Bereich fern zu halten. Ich hab es gemacht und würde das auch jedem Besucher empfehlen seine Neugierde im Zaum zu halten. Es hat seine Berechtigung diesen Bereich als Tabu-Zone zu betrachten. Ansonsten sieht man in Tschernobyl/Prypjat einfach wie alles langsam zerfällt, da die Stadt eben seit 30 Jahren nicht mehr bewohnt ist. Das ist einfach der Charakter eines Lost Places. Das ist das was man erwartet und das was man bekommt.  

Oberirr: Wie ist das mit der Strahlung? Ich meine, man denkt ja: Strahlung = gefährlich! Hattest du Angst?

Nobbo: Als ich das erste Mal hingefahren bin, hatte ich mehr Angst vor der Kriegssituation in der Ukraine. Zu dem Zeitpunkt gab es zwischen ihr und Russland politische Spannungen um die Halbinseln Krim. Und das war das, was mir erheblich mehr Angst gemacht hat als die Strahlung. Zur Strahlung selbst muss man sagen: Es gibt so etwas wie eine Lebensdosis, die man an Strahlung verträgt oder auch aufnehmen kann. Das ist dann aber auch von Mensch zu Mensch unterschiedlich. So genau kann man es auch nicht sagen, weil es damit wenige Erfahrungen gibt. Jedoch die Strahlung an den meisten Orten, die man besucht, ist vergleichbar mit dem, was man hier auch Tag täglich hat. Klar, es gibt gewisse Hot-Spots, die entsprechend von der Norm ausreißen, wie eben der Keller im Krankenhaus. Im Eingangsbereich vom Krankenhaus zum Beispiel gibt es einen Stofffetzen, der von der Schutzkleidung der Ersthelfer stammt. Wenn man dort mit einem Geigerzähler hingeht, fängt der an richtig auszuticken und es wird halt extrem. Es gibt auch Bereiche im Roten Wald, die sollte man auch nicht betreten, da die Werte dort entsprechend hoch sind. Wenn man nicht an diese Spots geht hat man nur leicht erhöhte Strahlung. Etwa genauso viel wie bei einem Langstrecken-Flug.

Oberirr: Du hast es schon angesprochen: Ist es wirklich so, dass die Sachen mehrheitlich noch unverändert vorzufinden sind?

Nobbo: Teilweise ist es noch relativ unverändert, aber man muss auch sagen, dass mittlerweile sehr viel geplündert worden ist. Wenn man in die Häuser geht, dann sind dort Heizkörper demontiert, Kabel aus den Wänden gerissen oder ähnliches. Man sieht deutlich, dass gezielt die Wertstoffe aus den Gebäuden rausgeholt wurden, um sie auf dem nächsten Schrottplatz zu Geld zu machen. Wir haben auch irgendwo noch einen Waffenschrank gefunden, aber der ursprüngliche Inhalt war nicht mehr da. Man muss immer mehr nach den Orten suchen, an denen man noch sieht ‚Hier hat mal jemand gelebt‘. In erster Linie findet man diese Zeichen der Zeit eben in den öffentlichen Gebäuden. Zum Beispiel in den Schulen und Kindergärten, wo noch Puppen der Kinder liegen, oder in den Veranstaltungsorten, wo noch ein Klavier rumsteht oder so. Einfach Dinge, die keinen materiellen Wert mehr haben.

Oberirr: Ich hab jetzt schon mehrfach gelesen, dass ganze Reisegruppen für Fototouren und Tagesausflüge dort durchgeschleust werden und es immer mehr ein häufig genutztes Reiseziel geworden ist. Wie überlaufen ist es dort?

Nobbo: Unter der Woche kann man sich dort relativ frei bewegen. Aber an den Wochenenden gibt es wirklich viele Leute, die Kurztouren dort hin machen und sich natürlich dann auch die interessantesten Sachen anschauen. Die klassischen Motive wie das Riesenrad oder Auto-Scooter sind einfach schon Tausend mal abgelichtet worden. Entsprechend überlaufen sind diese Spots an den Wochenenden und vor allem auch im Sommer. Da könnte es durchaus passieren, dass man anstehen muss bis man dran ist. Ob man also bei den Sehenswürdigkeiten Schlange stehen muss, oder ob man weitgehend ein ungestörtes Lost Place Erlebnis erhält, ist nicht nur Wetter- und Saisonabhängig, sondern auch vom Reiseveranstalter. Mein Veranstalter bietet nun schon lange genug Reisen nach Tschernobyl an und hat daher schon viel Erfahrung. Er ist immer weiter auf der Suche nach neuen ausgefallenen Locations, die dann einfach nicht ganz so überlaufen sind, um seinen Teilnehmern ein möglichst verlassenes Lost Place Erlebnis zu bieten. Wenn man wirklich richtig ungestört sein will, muss man auf die kalte Jahreszeit ausweichen. Dann trifft man wirklich nur vereinzelt andere hart gesottene Lost Place Liebhaber, da es für die meisten einfach zu kalt und ungemütlich ist.

Oberirr: Als Tierfreundin interessiert mich ja noch eines: Die Tiere, die da leben, sind die jetzt eher zutraulich, weil sie seit 30 Jahren nicht mehr bejagt werden?

Nobbo: Am zentralen Platz in Prypjat gibt es einen wilden Fuchs, der schon fast handzahm ist. Der ist so an die Menschen gewohnt, dass er immer wieder kommt und sich auch füttern lässt. Aber man kann es nicht verallgemeinern. Nach 30 Jahren Zerfall, hat sich die Ur-Gewalt Natur viel zurückerobert und es gibt wieder viel unberührte Wildnis auf dem Areal. Es ist absolut idyllisch dort. Es ist Grün, man hört die Vögel zwitschern, es gibt fast keine Menschen, keinen Lärm, keine Autos und keine Abgase… . Die Strahlung nimmt man an den meisten Orten auch nur noch mit Messgeräten wahr. Ich hoffe, wenn das Thema mit der Strahlung irgendwann soweit durch ist, dass man das gesamte Gebiet zu einem Naturschutzgebiet oder Nationalpark macht, statt es wieder zu bewohnen.

Oberirr: Du fährst wieder hin, oder?

Nobbo: Ja das habe ich vor! Zwar nicht mehr in diesem Jahr, aber 2018 dann. Bisher stehen noch keine Termine fest beim Veranstalter, aber ich werde wohl gegen Ende 2017, sobald Termine feststehen, buchen. Ich war jetzt zuletzt im Herbst 2016 dort, aber das Wetter war mit nicht ganz so angenehm. Abgesehen davon, dass es mir ins Bett geregnet hatte, macht es bei Schmuddel-Wetter einfach keinen Spaß bei überwiegend schlechtem Licht und im Regen mit der Kamera durch die Gegend zu laufen. Und man bekommt auch leider nicht ganz so schöne Bilder als wenn man bei Sonnenschein unterwegs wäre. Na gut, man muss schon zugeben auch bei schlechtem Wetter kann man schöne Fotos machen. Zum Beispiel am Hafen wenn die Kräne im Nebel versinken. Solche Fotos haben dann einen gewissen Charakter. Wir waren auch in einer Stadt am Rande der Zone, die schon in Weißrussland lieg – die Zone liegt ja zwischen der Ukraine und Weißrussland – wo es wahnsinnig interessant war die verfallenen Häuser im Nebel zu fotografieren. Oder es Gab auf der Strecke auch eine Waldfläche mit lauter umgestürzten Bäumen, das war auch ein sehr interessantes Motiv. Und da hat der Nebel hervorragend dazu gepasst. Aber es ist ja immer ein Stück weit Glück was für ein Wetter man bekommt. Das ist einfach so, wenn man in der Natur fotografiert. Man hat Glück oder Pech, und versucht immer das Beste draus zu machen was man hat. Das ist auch mit einer der Gründe, warum ich noch einmal da hin will. Ich erhoffe mir, dass ich die Chance habe eventuell Fotos der gleichen Motive noch einmal bei besserem Wetter und mit anderem Bildcharakter zu machen. Meine Erste Tour war im Frühjahr, meine zweite im Herbst… meine dritte wird jetzt wahrscheinlich mehr in Richtung Sommer gehen. Um das Ganze abzurunden müsste ich auch noch einmal im Winter hin, aber ob ich das wirklich mache, kann ich bis jetzt noch nicht sagen. Da mir die kalte Jahreszeit so gar nicht zusagt und ich echt nicht weiß, ob ich mir die russische Kälte antun will.

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Herzlichen Dank an Nobbo für diesen spannenden Einblick. Nur Wenige trauen sich in die Sperrzone von Tschernobyl und so warten wir gespannt auf neue Erlebnisse seiner Touren.

 

Text: Steph Lensky
Interview: Estra Dragon
Fotos
: Norbert Reith, mehr in unserer Galerie
Lost Places – Sperrzone Tschernobyl / Prypjat