Live-Review: Lord Of The Lost | Berlin | 22.04.2017


Wenn Lord of the Lost touren, dann darf natürlich auch eine Stippvisite in der Landeshauptstadt nicht fehlen und so fand sich die Hamburger Band am 22. April im Lido ein, gemeinsam mit Aeverium und Solokünstlerin Scarlet Dorn.

Die Newcomerin eröffnete den Abend , begleitet von Bengt Jaeschke (Gitarre), Henrik Petschull (Schlagzeug) und Gared Dirge (Keyboard), kurz nach 18 Uhr sehr stimmungsvoll. Obwohl es erst der neunte Auftritt der jungen Heilbronnerin vor so einem großen Publikum war (das Konzert war restlos ausverkauft), war da keine Spur von Unsicherheit oder Nervosität. Sich ihres Könnens bewusst, performte sie sieben Songs, wobei einer davon – I Love The Way You Say My Name – stimmlich von ihrem Entdecker und Förderer Chris Harms unterstützt wurde. Gegenüber den vorangegangenen Auftritten dieses 3. Tourblocks war dieses Duett in Melodie und Gesang in sich nun absolut stimmig. Scarlet Dorn kann mal gefühlvoll, mal rockig, mal imposant. Für dieses außergewöhnliche Talent sollte dann auch ein Plattenvertrag nicht mehr fern sein. Wer nicht so lange warten möchte, der kann bereits jetzt Armageddon, Hold on to me und Heavy Beauty unter www.scarletdorn.de kostenlos downloaden.

Aeverium schlugen dann musikalisch die Brücke zwischen Opener und Headliner. Sie hatten harte Gitarrenriffs und die schöne Sängerin Aeva Maurelle mit im Gepäck. Und sie hatten richtig Bock darauf ihre persönlich längste Setliste auf die Bretter zu hauen, die die Spreestadt bis dahin von ihnen gehört hatte. Das Vorhaben mit dem Besten aus zwei Alben setzten sie auch sprichwörtlich um, als das Parkett des alten Kinosaals bei Titeln wie What About Me und Break Out zu beben begann. 

Übrigens stand auf diesem Parkettboden einst auch Gastgeber und Moderator Chris Harms zur 20-Jahr-Feier des gemeinsamen Labels Out Of Line, bei dem die Viersener mit Melodic/Dark Metal aufspielten, und dachte sich wohl auch wie viele andere „Die sind hart und cool drauf. Die will ich noch mal sehen.“ Gesagt, getan. Denn die Kraft ihrer Show war die perfekte Einstimmung auf die Show von …

Lord of the Lost, welche gleich mal mit Drag Me To Hell eröffnet wurde und als Ankündigung verstanden werden durfte, wohin die Reise in den nächsten anderthalb Stunden gehen wird, wenn selbst der Sänger feststellen musste: „Wenn schon nach zwei Songs der Schweiß vom Kinn tropft, dann macht irgendjemand in diesem Raum etwas richtig – und das seid ihr!
Und wenn dem Publikum kein Schweiß vom Kinn tropft, dann macht irgendjemand in diesem Raum auch etwas richtig – und das ist die Klimaanlage im Lido. Dafür einmal an dieser Stelle ein Dankeschön von einer Konzertgängerin, die es doch ganz angenehm findet, wenn sie nicht gleich die Socken schon nach der Hälfte des Abends auswringen muss. 🙂

Was natürlich nicht heißen soll, dass es die Hamburger davon abgehalten hat das Publikum in Bewegung zu versetzen mit Songs wie Die Tomorrow, La Bomba oder No Gods, No War. Oder wie zum Beispiel auch Kingdom Comes, was ganz viel harte Riffs braucht, wodurch Multitalent Gared Dirge eines seiner neuen Spielzeuge präsentierte: eine schicke Hellcaster aus dem Hause Cyanguitars. Dafür verließ er auch extra seinen angestammten Platz in der zweiten Reihe, welcher von zwei Keyboards, einem Drumset, einer Keytar und einem Theremin (ebenfalls neu dabei) umgeben ist. Wenn das so weitergeht, hängt bei der übernächsten Tour noch ein Glockenset oder ähnliches von der Decke. Wie schnell dieser Mann es schafft zwischen all dem hin und her zu wechseln und aus dem Stehgreif jede Melodie anzuspielen, die von Mastermind Chris Harms gewünscht (oder auch nicht gewünscht 😉 ) wird, kann man eigentlich nicht beschreiben. Daher lasse ich das mal. Schaut es euch am besten selbst einmal live an.

Zu Six Feet Underground wurde dann ein weiterer beeindruckender Gitarrenbau aus der Hamburger Instrumentenmanufaktur von Thomas Harm herausgeholt: die erste Peak Detector Guitar der Welt, benannt nach dem im letzten Jahr veröffentlichten Album EMPYREAN.

Und während danach Sänger Chris Harms seine Stimme für The Interplay Of Life And Death hinter den Kulissen vorbereitete, tommelten Tobias Mertens und Gared Dirge um die Wette, was Pi Stoffers und Class Grenayde ihren Bandkollegen mit ihren Zupfinstrumenten gleich taten. In solchen Momenten kann man Zeuge davon sein, wie viel Spaß und Freunde es machen kann auf der Bühne zu stehen. Apropos Spaß und Freude: Den gönnte sich Bassist Class mit eine Runde Crowdsurfing. Denn Lord of the Lost haben sich von ihren Anfängen als GlamRockGothPop-Band zu einer DarkRockMetalElectro-Band evolvierten, was natürlich auch dazu führt, dass immer mehr und mehr starke Arme im Publikum vertreten sind.

Nach dem regulär letzten Song In Silence unterstützte selbst die Lichttechnik rhythmisch die Zugaberufe, denn Raining Stars fehlte ja noch. Und dieser Track fing dann ganz kuschelig an und wurde anschließend so richtig schön laut. Generell bekommt man von der Band immer wieder Variationen ihrer Lieder live geboten, getreu dem Motto „Die Studioversion hatten wir der Welt ja schon gegeben.

Das visuelle Highlight war gleichzeitig auch der Höhepunkt des Abends, als Class Grenayde, Tobias Mertens, Gared Dirge, Pi Stoffers und Chris Harms ihre Gesichter mit silbernen Mosaikmasken bedeckten, das bunte Scheinwerferlicht erlosch, um weißen Strahlern zu weichen und mit Doomsday Disco noch mal so richtig aufgedreht wurde. Ein Song, der sich für meine Ohren so anhört, als ob er von der Industrial-Rock-Band KMFDM geboren worden ist: genau mit dieser Kraft, mit diesem Klang, mit dieser Power. Ach, und da wir gerade bei KMFDM sind: Lord of the Lost werden sie im Herbst auf ihrer Tournee begleiten.

Wem das gewisse Etwas bei den Liveperformances 2016 fehlte, dem kann ich sagen: Sie sind wieder da! Der Spirit, mit dem Lord of the Lost bekannt wurde und den sie sich hart erarbeitet hatten, ist zu dieser DarkGothGlamRockMetal-Band zurückgekehrt. Vielleicht liegt es am neuen Gitarristen Pi, der Ende letzten Jahres das Crewshirt gegen das Bühnenoutfit tauschte? Egal. Genießen wir die Konzerte, ganz so wie es die Hamburger selber tun. 🙂

 

Setlist Scarlet Dorn: Heavy Beauty / Cinderella / Hold on to me / I love the way you say my name / I don’t know I don’t care / I’m Armageddon / Rain

Setlist Aeverium: What About Me / Distrust / Hunted / Home / Brave New World / Vale Of Shadows / Break Out / Heavens Burning

Setlist Lord of the Lost: Drag me to hell / Miss Machine / Interstellar Wars / No Gods, No War / Last Words / Kingdom Come / Epiphany / Blood For Blood / Black Lolita / Die Tomorrow / Prison / Six Feet Underground / The Interplay Of Life And Death / The Love Of God / We‘re All Created Evil / Fists Up In The Air / La Bomba / Dry The Rain / In Silence / Raining Stars / Doomsday Disco

 

Text + Fotos: Ginger Chan, mehr in unserer Galerie
22.04.2017 Lord of the Lost @ Lido Berlin