Live-Review: Linkin Park | Berlin | 12.06.2017

Fast zwei Jahre nach ihrem legendären Auftritt in der Alten Försterei (wir berichteten) kamen die L.A. Boys von Linkin Park im Rahmen ihrer One More Light World Tour zum einzigen Deutschland Gig (abgesehen von den noch kommenden Festivals in Deutschland) nach Berlin. Die Vorfreude war riesig und das Front Of Stage Ticket schnell gekauft. Zum dritten Mal ging es für mich zu der Band, die mich durch meine Jugend begleitete und seit mehr als 15 Jahren zu meinen absoluten Lieblingen zählt.

In Anbetracht der Terroranschläge der letzten Zeit war es kein Wunder, dass es verschärfte Sicherheitsvorkehrungen gab. Darum wurde der Einlass auch schon auf 18 Uhr gelegt, damit genügend Zeit für Bodychecks und Metalldetektoren blieb. Ruhig und gesittet bahnten sich die Massen ihren Weg in die Mercedes Benz Arena. Schnell füllten sich Innenraum und Ränge und die Vorfreunde stieg stetig weiter an. Nach quälender Warterei gingen um Punkt 20 Uhr die Lichter aus und der Support-Act betrat die Bühne.

Machine Gun Kelly – das ist Revolutionary HipHop/Rap aus Cleveland. Als ich vorab las, es soll uns HipHop um die Ohren gehauen werden, war ich zunächst nicht sonderlich begeistert, doch ich wurde eines Besseren belehrt. Weitaus rockiger als erwartet performte das Sechstett um Frontmann Kells eine Hand voll Songs aus ihrem Repertoire – unter anderem Alpha Omega, Til I Die und Bad Things – vom aktuellen Album Bloom (VÖ Mai 2017). Passend zum Namen feuerte er die Rap-Lyrics nur so dem Publikum entgegen – wie aus einem Maschinengewehr eben. Sehr energiegeladen schafften sie es beim Berliner Publikum einen bleibenden Eindruck zu hinterlassen.

Dass der Support deutlich weniger an Songs spielt ist ja gemeinhin bekannt, doch Machine Gun Kelly spielten so wenige, dass wir uns schon fragten was da los sei. Die Antwort fand ich im Nachgang in den Sozialen Medien: nach ihrem Auftritt in der Mercedes Benz Arena sind die Jungs rüber ins Astra Kulturhaus und haben dort noch ein Konzert gespielt. Zwei Gigs an einem Abend – das muss erst mal jemand nachmachen.

Nachdem es dank Machine Gun Kelly schon gut warm war, wurde auf der Bühne fleißig umgebaut und Instrumente wurden eingestellt, während die Fans ungeduldig warteten. Auf den Videoleinwänden wurde zwischendurch Werbung von Mercedes AMG, dessen 50 jähriges Bestehen in diesem Jahr gefeiert wird, und Linkin Park gezeigt. Im zweiten Einspieler, der vor einiger Zeit bereits auf dem Youtube Channel der Band veröffentlich wurde, sah man verschiedene Sequenzen wild gemischt: die Jungs in einem Mercedes AMG bei einer Testfahrt auf der Rennstrecke, im Studio während den Aufnahmen zum aktuellen Album One More Light und Backstage bei der Vorbereitung auf ein Konzert. Dazu sprach jeder von ihnen ein paar Worte was es für sie bedeutet Musik zu machen und von ihren Fans unterstützt zu werden. Chesters letzte Worte waren (sinngemäß übersetzt) „Am Ende will ich da einfach nur raus gehen und zeigen wer wir sind„.

Und dann kam er auch raus. Nicht wie erwartet mit einem Knall, sondern ganz leise. Unscheinbar lief er auf den in das Publikum ragenden Teil der Bühne und stimmte mit seiner einzigartigen Stimme und ganz ohne instrumentale Begleitung One More Light an – den Titelsong des aktuellen Albums – in dieser A capella Version sogar erstmalig performt. Ein reiner, auf das Minimum reduzierter und zum Album passender Gänsehaut Beginn, denn One More Light ist das bisher ruhigste und bewegendste Album der Combo (wir berichteten).

Doch es blieb nicht so ruhig und leise… Im Gegenteil, denn auch die neuen Songs sind Live sehr rockig und mitreißend. Wie ich im Review zum Album schon erwähnte, hat Talking To Myself ordentlich Potential, was auch vollends ausgeschöpft wurde. Gleich zum Anfang des Konzertes begann das Publikum im Takt zu jumpen und zu klatschen und natürlich konnte jeder Einzelne Fan jedes Wort mitsingen. Diese Stimmung konnte sich den gesamten Gig über halten und stellenweise sogar steigern. Sie sorgte für lautes Mitsingen, Tausende Arme in der Luft und einfach eine geile gemeinsame Zeit.

Linkin ParkLive Konzerte von Linkin Park zeichnen sich nicht nur durch die an sich geniale Live-Performance, sondern auch durch die gut gemischte Setlist aus. Neue Songs der aktuellen Scheibe – Good Goodbye, Invisible – aber auch Titel der letzten Alben wie Wastelands (The Hunting Party), Burn It Down, Castle Of Glass, Lost In The Echo (Living Things), Leave Out All The Rest und What I’ve Done (Minutes To Midnight), sowie alte Klassiker – One Step Closer, Points Of Authority, In The End (Hybrid Theory) – waren teils in neuerem Gewand darauf zu finden. Auch der Mitklatsch und Mitsing Song The Catalyst (A Thousand Suns) und der für den Blockbuster Transformers – Die Rache geschriebene und dadurch bekannt gewordene Song New Divide durften nicht fehlen.

Da die neuen Songs noch nicht so oft live gespielt wurden, passierte es, dass Nobody Can Save Me sogar erst an diesem Abend sein Live Debüt feierte. Zwischendrin gab es noch eine Mini-Einlage von Mike mit seinem Fort Minor Song Remember The Name, bevor es mit Waiting For The End (A Thousand Suns) weiterging. Im Anschluss folgte Breaking The Habbit (Meteora), welches mit einem A capella Ende versehen wurde um zu One More Light überzuleiten. Hatte das Album die Fanbase vorab noch so polarisiert, so standen wir nun da als eine Einheit. Die leuchtenden Smartphones und Feuerzeuge in die Luft gereckt, begleitete das Publikum Chester durch den Song. Nicht nur bei mir flossen vor Ergriffenheit Tränen. Fans lagen sich in den Armen und genossen den Moment zu den tiefgründigen und mahnenden Worten des Songs. Crawling (Hybrid Theory), der sonst auf Chesters animalisch-gutturale Art geschrien wird, wurde dieses Mal als Piano Version gespielt und schloss so perfekt an One More Light an. Mit Faint (Meteora) beendeten Chester, Mike, Brad, Phoenix, Joe und Rob ihr reguläres Set und verabschiedeten sich hinter die Bühne.

Linkin Park oberirrRhythmisches Klatschen und „Linkin Park – We want more“ Rufe erklangen. Quälende Minuten – das kann doch nicht schon alles gewesen sein, oder doch? Nein, natürlich nicht! Für die Zugabe schnappte sich Chester seine Gitarre. Er und Gitarrist Brad begaben sich auf die Bühnen-„Zunge“ und spielten sich mit ein paar Riffs auf den nächsten Song ein. Sharp Edges erklang und wieder sang die ganze Halle mit. Im Anschluss wurde zu Numb (Meteora) – mit dem Beginn des durch die Zusammenarbeit mit Rapper Jay Z entstandenen Numb/Encore Remixes (Collision Curse) – ordentlich abgefeiert., bevor es mit Heavy wieder ruhiger wurde. #NotHeavy lautete der Hashtag, den die zwiegespaltenen Fans zur Veröffentlichung immer wieder nutzten. Klar, der Titel lässt anderes vermuten, als der Song am Ende zeigt, aber trotzdem kam er gut beim Publikum an. Chester verlies sowohl bei Heavy, als auch beim nachfolgenden Song Papercut (Hybrid Theory) die Bühne und stieg an mehreren Stellen auf die Brüstung zum Publikum. Da war es dann ganz vorbei – die Massen drückten nach vorn, um einmal die Hand ihres Idols zu greifen. Und was soll ich sagen? Ja auch ich tat es und habe ihn angefasst *lach* 😀 😛 😳

Das obligatorische „Ausrast-Lied“ zum Schluss bildete wie gewohnt Bleed It Out (Minutes To Midnight). Es wurde gepoged, gesungen und gefeiert. Zum Schluss fielen riesige weiße Luftballons von der Arenadecke, die auf den Händen der Fans tanzten. Ein unvergessliches Erlebnis, das bei allen für euphorische Zustände sorgte. Und dann war es vorbei. Durchnässt vom Schweiß der Mitfeiernden und des eigenen und mit einem seligen Grinsen im Gesicht verließen wir die Arena, um draußen darüber zu philosophieren wie krass das doch gerade alles war.

Ich hatte einen unbeschreiblich geilen Abend und danke allen Beteiligten dafür! Auch meinen neuen Bekanntschaften für das schöne Sing-a-long im Auto auf dem Heimweg 😀 … bis zum nächsten Mal 😉

 

Setlist Linkin Park: One More Light (A Capella) / Talking To Myself / Burn It Down / The Catalyst / Wastelands / One Step Closer / Castle Of Glass / Good Goodbye / Lost In The Echo / Nobody Can Save Me / New Divide / Invisible / Remember The Name (Fort Minor) / Waiting For The End / Breaking The Habbit / One More Light / Crawling (Piano Version) / Leave Out All The Rest / Points Of Authority / What I’ve Done / In The End / Faint / Sharp Edges (Stripped Down Version) / Numb / Heavy / Papercut / Bleed It Out

 

Text + Fotos: Steph Lensky