Live-Review: 28. Wacken Open Air | Wacken | 03.-05.08.2017

Faster, Harder, Louder!“- ein Motto, welches wie jedes Jahr das Wacken Open Air in dem kleinen Dorf Wacken in Schleswig-Holstein bestimmte. Dort wird nämlich in der Zeit des ersten Augustwochenendes aus dem knapp 2000-Seelen-Dorf das Mekka des Metal-Genres.

Angefangen mit kleinen, süßen Besucherzahlen von 500-800 Personen 1990, hat sich das Metal-Festival mit nun mehr als 75.000 Besuchern jährlich zu einem der Größten weltweit entwickelt. Ich hatte dieses Jahr das Vergnügen das erste Mal zum heiligen Acker pilgern zu dürfen und die Euphorie in der Metal-Gemeinschaft mitzuerleben.

Beginn meiner Reise war Montag, der 31.7, um genügend Zeit zum Ankommen zu haben. Offizieller Start des Festivals war jedoch erst am Donnerstag. Im Dorf angekommen war der Spirit schon an jeder Ecke zu spüren. Sei es das Begrüßungsbanner am Eingang der Gemeinde, die Plakate in den Fenstern der bewohnten Häuser oder die kleinen Kids, die für Geld mit umgebauten Anhängern Essensvorräte oder Ähnliches transportiert haben. Alle freuten sich auf das Event. Na ja, nicht alle. Bei meinen ersten Eindrücken fielen mir auch direkt diverse Bauzäune um Eigentumshäuser herum auf. Diese Einwohner haben bei den Massen an Menschen, welche zum Teil auch stark alkoholisiert sind, Angst um ihr Hab und Gut. Verständlich! Nichtsdestotrotz gingen wir gut gelaunt in Richtung Zeltplatz, dem Campground. Dort wurden auch direkt die Zelte aufgespannt und man hatte erste Bekanntschaften mit den Nachbarn für die Woche geschlossen. Ganz egal ob Bayer oder Köllner, die Freude und Liebe am Metal verband Jeden miteinander. Während am Dienstag noch die Vorräte aufgestockt und Nachzügler herzlich aufgenommen wurden, öffnete man bereits am Mittwoch die Schranken zum Festivalgelände.

Und mal ganz ehrlich… Ich hatte mir schon gedacht, dass man eine gewisse Kapazität an Platz aufbringen muss, wenn man so viele Besucher hat, aber das Gelände ist extrem groß! Man wird als Neuling quasi von den Menschenmassen, den Stages und den restlichen Angeboten überwältigt und weiß nicht so recht, wohin der Blick als erstes wandern soll. Alle Besucher, die nach der Anreise hungrig waren und schon auf das Gelände wollten, konnten sich an den zahlreichen Imbissständen eine warme Mahlzeit gönnen. Burger, Pasta, Steaks, selbst Döner oder Kartoffelchips wurden verkauft. Leider drückte dies, so lecker es auch war, wirklich auf den Geldbeutel. Neben dem Metal-Market, dem Wackinger-Village und die erste Sicht auf das Infield, welches erst zum offiziellen Beginn freigegeben wurde, war für mich ein besonderes Highlight die Metal-Church – repräsentiert durch die im Dorf Wacken befindliche Kirche, in welcher der Metal-Gottesdienst stattfand und die Alternative Metal Band Aeverium ein dem Anlass entsprechend lautes Set einiger ihrer Songs darbot. Besonders dort wurde die Gemeinschaft wieder deutlich, die das W:O:A widerspiegelt.

Am Donnerstag war es dann endlich so weit: gegen 14 Uhr wurden die Tore zum Infield des Festivals geöffnet. Trotz großem Andrang machte das Security-Personal ordentlich Stimmung, wodurch die Eröffnung zu einer Ekstase an Gefühlen führte. Also stürmten sämtliche schon wartende Besucher voller Vorfreude direkt hinauf. Selbst das bereits angekündigte Gewitter, welches ziemlich heftig aber rasch über die Felder Wackens zog, konnte die Glücksgefühle nicht stoppen. Wacken wäre nun mal nicht Wacken, wenn es nicht regnen würde! Die Menschen zu sehen, wie sie im Schlamm tanzten, lachten und auch Sätze zu hören wie „Sei glücklich! Du bist in Wacken!“, hat mir gezeigt, dass dieses Festival etwas Einzigartiges ist und wahrscheinlich auch immer bleiben wird. Leider konnten viele aufgrund des Unwetters nicht zu den Konzerten von beispielsweise Europe oder Status Quo gehen, da die Aufräumarbeiten in den einzelnen Camps Vorrang hatten. Wir waren leider auch davon betroffen.

Ein Konzert sollte uns jedoch an diesem Tag vergönnt sein: Volbeat auf der Harder-Stage. Die Metaler aus Kopenhagen brachten mit ihrer stilistischen Mischung aus Metal, Punk Rock, Country und Blues eine mitreißende Show nach Wacken, deren Besuch definitiv belohnt wurde. Sei es der Einsatz von Akustikgitarren oder die harten Klänge bei dem Song Evelyn. Die Menschenmassen haben in jeder Sekunde des Auftritts mitgefiebert und gefeiert.

Die Mitte des W:O:A war dann dank haltendem Wetter doch ereignisreicher. Ich sag nur: Saltatio Mortis, Architects und Marilyn Manson, um nur einige meiner persönlichen Highlights des Tages zu nennen. Geweckt mit den lieblichen Klängen der italienischen Gruppe Lacuna Coil gingen wir kurz darauf zum Gelände, um verschiedenste Höreindrücke der spielenden Bands zu sammeln. Als Neuentdeckung sticht für mich die Post-Hardcore Band The Amity Affliction hervor, welche mit dem Mix aus Screams, cleanem Gesang und dem wirklich guten Einsatz von Breakdowns innerhalb ihrer Songs ein solides Konzert zum Moshen und Headbangen ablieferten. Gleich im Anschluss ging es 50 Meter weiter zu Saltatio Mortis. Ich gebe zu, dass ich zuvor kein leidenschaftlicher Fan der Folk-Metaler war, jedoch waren diese für mich der heimliche Headliner des gesamten Festivals. Mit einem prallgefülltem Infield schafften sie es jeden Einzelnen zum im Schlamm Springen zu animieren. Ganz gleich ob mit Standard-Instrumentalisierung oder mit einer Akustiktrommel und vier Dudelsäcken. Wer bei dieser Band nicht mindestens einmal mitklatschte, der wurde anscheinend noch nicht vom Spirit des W:O:A erreicht. Mit einer kleinen Zugabe und lauter glücklicher Menschen beendeten sie ihren Auftritt.

Am späteren Abend verschlug es mich dann zu Architects, Metalcore vom Feinsten. Die langjährige Erfahrung der Band zeigte sich selbstverständlich auch bei dieser Live-Performance. Die Engländer boten mit sowohl neueren, als auch älteren Songs eine breitgefächerte Darbietung ihrer Künste und zogen das Publikum direkt mit dem Song All Our Gods Have Abandoned Us in ihren Bann. Bestückt mit Ansagen, Danksagungen und Wittmungen, insbesondere an den im vergangenen Jahr verstorbenen Gitarristen der Band, Tom Searl, spielten sie ein Konzert, welches geprägt von Moshpits jedweder Art war. Highlight dessen war jedoch der Aufruf zum Crowdsurfen des Sängers, Samuel David Carter. In Kürze sah man gefühlt 15 Personen die Minute über sich hinwegziehen. Ein unvergleichliches Erlebnis!

Den Abschluss des zweiten Festivaltages bildete Marilyn Manson mit einer, sagen wir mal, spezielleren Bühnenshow. Vorne weg: wer Mansons Konzert einmal gesehen hat, weiß sofort, dass sie nie reibungslos ablaufen oder dem Anspruch des Publikums entsprechen. Entweder man mag ihn oder nicht. Ich gehöre zu Ersteren, da ich mit seiner Musik und seiner Performance aufgewachsen bin. Bekannt für den industrialen Sound, bot die Band einen Mix aus Publikumslieblingen wie Sweet Dreams oder The Dope Show und kürzlich erschienenden Songs wie Say 10 des bereits angekündigten, gleichnamigen 10. Studioalbums. Während des Auftritts wechselte Manson zwischen diversen Mikrofonen, welche er beispielsweise durch die Gegend schmiss oder nutzte, um eine Verzerrung des Gitarrensounds hervorzurufen. Aufreger des Konzertes jedoch war die knapp 15-minütige „Show“, in der er seinem Bassisten zum Basslehrer machte, ihn mit zu sich auf dem Boden liegend holte und seine Kritik über das gelangweilte Publikum mithilfe einer Übersetzerin äußerte. Folge dessen war das ansteigende Unbehagen und Missverständnis der Besucher. Ich werde sein Verhalten hier nicht versuchen zu rechtfertigen, jedoch habe ich das Konzert sehr genossen und würde auch bei Gelegenheit ein Weiteres von ihm besuchen.

Ehe man sich versah, erreichte das Wacken Open Air am Samstag schon sein Ende. Aber, wie jeder weiß, das Beste kommt zu Schluss und das wirklich nicht zu kurz. Zuallererst durften die Besucher zwischen den Metalern von Powerwolf und den maskierten Herren von Hämatom wählen, welche gleichzeitig auftraten. Bereits in Rostock gesehen und begeistert gewesen, entschied ich mich die Show von Hämatom anzuschauen. Als eine besondere Größe in der Neuen Deutschen Härte lieferten die vier Rocker ein Konzert voller Power, Konfetti und klaren Statements in ihren Songs ab. Alles natürlich zur Freude des Publikums, welches trotz anhaltendem Matsches feierte, als gäbe es kein Morgen. Der nächste Act bestand aus einer Mischung der Genres Hardcore und Deathmetal. Energiegeladen, heiß und vor allem laut präsentierten sich Heaven Shall Burn auf der Harder-Stage. Und, mein lieber Herr Gesangsverein, diese Truppe weiß, wie man die Massen bewegt. Egal ob Crowdsurfing, Circle Pits um die Bierstände herum oder eine brachiale Wall of Death. Jeder Besucher dieses Konzertes trat mir breit grinsend und verschwitzt entgegen und wollte am liebsten gleich noch eine Runde HSB hören.

Am frühen Abend versammelten sich gerade die alteingesessenen Metalheads im Infield, um den Meister, Alice Cooper, höchstpersönlich zu hören. Mit fast 70 Jahren sollte man denken, dass der menschliche Körper nicht mehr in der Lage wäre, ein über einstündiges Konzert durchzustehen. So aber nicht Alice Cooper. Der Shock-Rocker riss die Leute mit Hits wie Poisen oder Schools Out mit, sodass man gar keine andere Wahl hatte, als mitzusingen. Wer nach all dem immer noch Kraft für eine weitere Mördershow hatte, für den waren die schwedischen Kolosse von Amon Amarth genau richtig. Ein Freund von mir beschrieb den Auftritt wie folgt: „Das war die beste Pyroshow dieses Jahres.“, und dem kann ich mich nur anschließen. Wenn nicht dieses Zitat den Nagel auf den Kopf getroffen hat, dann war es definitiv der Hammer des Sängers Johan Hegg, der während des Songs Twilight of the Thunder God mit einem kräftigen Schlag auf den Boden quasi ein Meer an Pyrotechnik auslöste.

Für mich war das der Schluss des Festivals, da die Abreise nahte. Mein persönliches Fazit als Neuling fällt im Großen und Ganzen sehr positiv aus. Ich hatte wirklich viel Spaß während des Festivals, habe diverse neue Bands kennen gelernt und mir neben leichten Blessuren auch den perfekten Stiernacken beim Headbangen antrainiert. Die Veranstalter haben es auch dieses Jahr wieder geschafft, dass die Zuschauer jede einzelne Sekunde genießen konnten, ohne in Angst vor möglichen Gefahren zu sein, wie beispielsweise beim Rock am Ring.

Doch, jedes Fazit verlangt auch Kritik oder eher Verbesserungsvorschläge. Dazu zählen zum einen die jährlich anfallenden Müllberge der Festivalbesucher. Viele Leute ließen neben einfachen Bierdosen auch ganze Zelte oder Grills stehen. Daher mein Appell an alle Metalheads: lasst euren Müll nicht einfach liegen! Es ist nicht verkehrt den Abfall bei den Mülltransportern des W:O:A abzugeben. Ihr geht dadurch mit einem guten Gewissen nach Hause und erspart den späteren Aufräumtrupps viel Arbeit. Und zum anderen möchte ich auch die Kontrollen zum eigentlichen Festivalgelände erwähnen. Natürlich kann man bei Besucherzahlen von 75.000 Leuten nicht durchweg hochkonzentriert sein, jedoch ist meinen Freunden und mir oftmals aufgefallen, dass gerade das Durchsuchen streckenweise echt nicht gründlich genug geschah und man prinzipiell Gefahrengegenstände leicht Richtung Infield bringen könnte.

Nichtsdestotrotz machten alle Sicherheitsleute einen super Job und schenkten damit jedem Einzelnen ein gutes Gefühl. Dankeschön dafür! \m/

Ich werde, wenn nächstes Jahr alles klappt, auch wieder da sein und freue mich jetzt schon auf ein beeindruckendes Festivalwochenende. „Wacken, rain or shine!

Wer hiernach Lust bekommen hat, den Holy Ground selbst einmal zu betreten, der darf sich freuen, denn Tickets für 2018 sind immer noch erhältlich. Zudem wurden bereits die ersten Bands angekündigt. Darunter sind Nightwish, Arch Enemy, Knorkator und viele mehr.

Fotos 1-3 & 6: Shooting Metalhead 
Foto 4 & 9: Daniela Bergstr. Fotografie | Kalle-Rock
Video 1: Vevo | Volbeat
Foto 5: Saltatio Mortis 
Video 2: Frajita Tube | Marilyn Manson
Fotos 7 & 8: Toni B. Gunner | Mondkringel-Photography
Video 3: JHannmann | Amon Amarth
Video 4: Wacken TV | Wacken Open Air
Text: Arian Haliti