Chester Bennington – ein Nachruf

Wie fange ich nur an?

Ich denke, die Nachricht, die uns am Abend des 20.07. erreichte, wird nicht nur mich aus der Bahn geworfen haben. Ich saß gerade im Publikum bei Dr. Mark Benecke, als mir eine Freundin schrieb sie könne und wolle es nicht glauben und ob es denn wahr sei. Ich wusste erst gar nicht was sie meinte, bis mir eine Andere schrieb “Guck bloß nicht in Facebook rein!” Hätte ich es doch nur getan 😥  Als ich meinen News-Feed öffnete stockte mir der Atem. Ich wollte es ebenfalls nicht glauben, bis mir eine weitere Freundin den Bestätigungs-Tweed von Bandkollege und Freund Mike Shinoda schickte: “Shocked and heartbroken, but it’s true.” Meine Augen füllten sich mit Tränen, die ich auch in der Öffentlichkeit einfach nicht zurückhalten konnte.

Chester Bennington – Frontmann meiner Seelenband Linkin Park und der Mann, der mich und viele andere Menschen seit über 18 Jahren – mehr als die Hälfte meines Lebens – mit seinen Texten und Songs begleitete, hatte sich im Alter von 41 Jahren das Leben genommen. Zwei Monate nach den Tod und genau am Geburtstag seines Freundes Chris Cornell (Soundgarden, Audioslave). Ob es dessen Tod – ebenfalls ein Suizid – am 18.05. war, der Chester aus der Bahn warf, oder ob es seine jahrelangen Depressionen und inneren Dämonen im Allgemeinen waren, die ihn zu diesem Schritt trieben, bleibt für uns ungewiss und nur den Spekulationen überlassen. Und auch wenn es im Nachhinein vielleicht verständlich ist, dass ein Mensch irgendwann einfach nicht mehr kann und einfach aufgibt, so ist es dennoch völlig surreal. Erst vor knapp zwei Monaten hatte ich Chester noch gesehen und sogar berührt, beim Linkin Park Gig in der Berliner Mercedes Benz Arena. Und nun soll er nicht mehr da sein?

Seine Frau Talinda wandte sich eine Woche nach der schrecklichen Wahrheit mit den folgenden Worten an die Öffentlichkeit:

“One week ago, I lost my soul mate and my children lost their hero – their Daddy. We had a fairytale life and now it has turned into some sick Shakespearean tragedy. How do I move on? How do I pick up my shattered soul? The only answer I know is to raise our babies with every ounce of love I have left. I want to let my community and the fans worldwide know that we feel your love. We feel your loss as well. My babies are so young to have lost their daddy. And I know that all of you will help keep his memory alive. He was a bright, loving soul with an angel’s voice. And now he is pain-free singing his songs in all of our hearts. May God bless us all and help us turn to one another when we are in pain. Chester would’ve wanted us to do so. Rest In Peace, my love.”

Wenn ich ehrlich bin, kann ich es eigentlich immer noch nicht glauben, auch wenn nun schon zwei Wochen vergangen sind. Nach den ersten Tagen des Schocks und der Trauer – ich habe sehr viel geweint in diesen Tagen – versuche ich mein Leben normal weiter zu führen, doch es gibt immer wieder Momente, in denen es mich eiskalt erwischt: ein Bild auf Facebook, ein Lied im Radio oder einfach nur eine Erinnerung und schon fließen wieder Tränen. Er war wie die erste große Liebe – musikalisch gesehen. Ich schreibe dies hier so persönlich, da ich denke es geht Vielen da draußen wie mir. Und auch wenn es ihn nicht wieder bringt, so gibt es uns untereinander Halt, wenn wir gemeinsam trauern.

Selbiges dachte sich auch Estelle-Florence Heyden, die mit hohem Aufwand eine öffentliche Gedenkveranstaltung für Chester organisiert hat. Am vergangenen Sonntag konnten sich trauernde Fans in Berlin an und mit Unterstützung der Mercedes Benz Arena treffen. Schon vorab konnte man die Liebe zu Chester, zu Linkin Park und die Unterstützung der Fans untereinander in der Facebook-Veranstaltung spüren. Es war unglaublich bewegend zu lesen, was die Menschen für ihn geplant hatten. Mit einem sehr gemischten Gefühl – Trauer über seinen Tod und Vorfreude andere Menschen zu treffen, denen er genauso wichtig war wir mir – machte ich mich auf den Weg zum Gedenktreffen.

Zunächst sah es nach nicht viel aus, als ich mich um die Baustelle herum der Arena näherte. Als ich dann aber sah, wie viele Menschen schon vor Ort waren, hatte ich schon das erste Mal mit den Tränen zu kämpfen – vor Rührung. Die Arena hatte freundlicherweise einen Bereich abgesperrt, in dem bereits unzählige Bilder, selbstgebastelte Plakate, sowie ein Meer von Blumen und Kerzen standen. Die Fans – viele davon in Linkin Park Shirts – standen und saßen um die Absperrung herum, vereint in stiller Trauer. In kleinen Gruppen oder einzeln konnte man an die Gedenkstätte heran treten, um seine Mitbringsel abzulegen und einen Moment zu verweilen. Immer wieder brachen Fans in Tränen aus. Fremde, die vereint durch diese Tragödie zusammengekommen waren, wurden in diesem Moment zu Freunden, die sich gegenseitig Trost spendeten und gemeinsam um ihren Helden trauerten.

Nach einer Weile, und nachdem fast jeder Chester in Stille gedenken konnte, trat Matze Schilling mit seiner Gitarre nach vorn. Alle Anwesenden rückten näher zusammen und setzten sich rund um die Gedenkstätte herum auf den Boden. Matze begann Gitarre zu spielen und die Fans begannen leise Shadow Of The Day mitzusingen. Ein sehr emotionaler Moment, war uns doch allen klar, dass diese Zeilen nie wieder von Chester gesungen werden würden.

Es folgten noch weitere Lieder (The Messenger, Numb, Leave Out All The Rest, In The End), bei denen sanft mitgesungen wurde, während einige sich ihrer Trauer hingaben. Mit One More Light, der emotionalste Song an diesem Tag, bei dem auch die härtesten Kerle ihre Tränen nicht mehr zurückhalten konnten, beendeten wir die Gesangseinlage. Zum Abschluss der großen Runde – viele sind danach gegangen – wurden noch Erinnerungsfotos der #LPSoldiers (an diesem Tag eher #LPFamily) vor der Gedenkstätte geschossen. Eine kleine Gruppe blieb bis zum späten Abend, sang weitere Lieder und zündete die Kerzen an, die noch nicht oder nicht mehr brannten.

In einer schwarzen Box wurden zudem Briefe gesammelt, die über Black Chester bald nach Amerika geschickt werden sollen. Egal ob an die Familie oder die Band, jeder konnte (und kann eventuell noch – bitte mit Tom Eger (webmaster@blackchester.de) in Verbindung setzen) hier sein Mitgefühl über den Verlust Chesters ausdrücken.

Es war eine sehr emotionale Veranstaltung und ich bin unglaublich dankbar, dass Estelle diese in Zusammenarbeit mit der Mercedes Benz Arena organisiert und uns die Möglichkeit des gemeinsamen würdevollen Abschieds gegeben hat. Allen, die dabei waren, die so kreativ waren und gemeinsam trauerten und selbstverständlich allen Anderen wünsche ich viel Kraft für die nächste Zeit und hoffe, dass wir diesen Verlust irgendwie überwinden. Denkt daran, ihr seid nicht allein mit eurem Schmerz!

Ich möchte hier noch einige der bewegendsten Kommentare zitieren, die im Nachgang über diese Veranstaltung gemacht wurden.

“Das erste Mal seit langer Zeit habe ich mich nicht mehr allein und unverstanden gefühlt, sondern geborgen in bester Gesellschaft. Es war etwas anderes als das Adrenalin, dass uns vor oder während der Konzerte immer verband. Es war vertraut, familiär. Man musste sich seiner Tränen weder rechtfertigen noch schämen.” – Vivienne Mansfeld

“Es hat mir gut getan dabei zu sein, um das Geschehene zu verarbeiten. Auch wenn ich es immer noch nicht so richtig glauben kann. Es tut im Herzen einfach weh, wenn ich daran denke, eure vielen wunderschön geschriebenen Worte lese oder einfach nur der Musik und seiner einzigartigen Stimme lausche.” – Katrin König

“Es war wunderschön, so eine tolle Gemeinschaft. So und nur so sollten wir ihn in Erinnerung behalten, jemand, der etwas einzigartiges geschaffen hat, und durch seine Musik Menschen vereint hat. Für immer.” – Caro Schneider

Wer es zu dieser Veranstaltung nicht geschafft hat, der kann die Gedenkstätte in Berlin noch eine Woche lang (bis Sonntag den 06.08.) besuchen und Abschied nehmen. Für alle Nicht-Berliner: unter diesem Link findet ihr eine Liste aller weltweit stattfindenden Gedenktreffen. Für Deutschland sind noch Treffen am 05.08. in Mannheim und Oberhausen, am 06.08. in Kassel, am 11.08. in Greifswald, am 12.08. in München, sowie in Hamburg am 20. und 26.08. geplant. Traut euch, geht hin, gebt euch Halt und trauert gemeinsam.

Wachgerüttelt durch diese schreckliche Tatsache bekommen die Texte vieler Linkin Park Songs nun einen sehr bitteren Beigeschmack. Wir wissen alle, dass Musiker ihre Erlebnisse in ihren Texten und ihrer Musik verarbeiten. Chester hatte vor einiger Zeit bekannt gemacht, dass er als Kind von einem nahen Bekannten der Familie missbraucht wurde. Das und andere Themen, die ihn über die Jahre beschäftigten, verarbeitete er in Liedern wie Crawling, Numb, In The End, Leave Out All The Rest und zuletzt One More Light. Texte, die unser aller Gefühle in dieser Situation beschreiben und vor allem letzterer Titel liest sich nun wie ein Abschiedsbrief.

Aber egal wie schlimm Chesters Ableben für seine Familie, Freunde und uns Fans ist und wie sehr wir trauern, unser Leben muss weitergehen! Darum verweisen Linkin Park auf einer Sonderseite ihrer Homepage auch auf die internationalen Notfall-Seelsorge Hotlines. Wenn es Jemandem schlecht geht – und das nicht nur aufgrund des Todes von Chester – so soll er sich bitte unbedingt an eine solche Nummer wenden! In Deutschland sind das beispielsweise die Nummern der Telefonseelsorge 0800 111 0 111 oder 0800 111 0 222, bei denen rund um die Uhr und kostenlos Hilfe bereitsteht.

Depressionen sind eine ernsthafte psychische Erkrankung. Einem Menschen mit dieser Krankheit zu sagen, er solle sich zusammenreißen oder es wäre ja gar nicht so schlimm ist grundverkehrt. Schaut nicht weg, ignoriert die Anzeichen nicht und helft solchen Menschen, soweit es geht. Chester ist das beste Beispiel dafür, dass ein augenscheinlich aktuell glücklicher Mensch dies eben nicht wirklich ist – ich verweise hier auf ein Interview, in dem er das näher erläuterte – und ohne Vorwarnung einen Suizid begeht, um den eigenen inneren Dämonen und den Schmerzen zu entkommen, die in seinem Fall auch durch jahrelange, aber überstandene Alkohol- und Drogensucht oder eine glückliche Familie nicht zu betäuben waren. Lasst diese Nachricht und Warnung nicht unnütz gewesen sein. Lasst dieses Licht nicht umsonst erloschen sein. #OneMoreLight

Abschließend möchte ich den Abschiedsbrief der Band hier zitieren, denn ich kann selbst keine besseren Worte finden.

“Dear Chester,

Our hearts are broken. The shockwaves of grief and denial are still sweeping through our family as we come to grips with what has happened.

You touched so many lives, maybe even more than you realized. In the past few days, we’ve seen an outpouring of love and support, both public and private, from around the world. Talinda and the family appreciate it, and want the world to know that you were the best husband, son, and father; the family will never be whole without you.

Talking with you about the years ahead together, your excitement was infectious. Your absence leaves a void that can never be filled – a boisterous, funny, ambitious, creative, kind, generous voice in the room is missing. We’re trying to remind ourselves that the demons who took you away from us were always part of the deal. After all, it was the way you sang about those demons that made everyone fall in love with you in the first place. You fearlessly put them on display, and in doing so, brought us together and taught us to be more human. You had the biggest heart, and managed to wear it on your sleeve.

Our love for making and performing music is inextinguishable. While we don’t know what path our future may take, we know that each of our lives was made better by you. Thank you for that gift. We love you, and miss you so much.

Until we see you again,
LP”

Header: Linkin Park
Statements: Talinda Bennington / Vivienne Mansfeld / Katrin König / Caro Schneider / Linkin Park 
Text + Fotos: Steph Lensky
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Steph Lensky Photography