CD-Review: Linkin Park – One More Light

Linkin Park ist eine der wohl größten und bekanntesten Rock-Bands unserer Zeit. Ihre Songs werden fast täglich im Radio und TV-Werbungen gespielt, oder in Kinofilmen verwendet (z.B. der Soundtrack zu den Transformers-Filmen). Sie spielen weltweit auf den größten Festivals und in ausverkauften Hallen. Ihr Erfolgsrezept? Ihr unverwechselbarer Sound! Durch ihren Crossover von Metal und Hip-Hop / Rap ursprünglich im Bereich Nu Metal / Alternative angesiedelt, haben die US-Amerikaner aus L.A. seit ihrer Gründung im Jahr 1996 (seit 1999 dann mit diesem Namen) eine ordentliche Wandlung durchlaufen und sind deutlich popiger geworden.

Was einige der Hardcore-Fans sichtlich erschüttert und verärgert, sollte meiner Meinung nach nicht so hart gesehen werden. Jede Band durchläuft in ihrer musikalischen Laufbahn eine Entwicklung – wäre ja auch schlimm wenn nicht – und gerade bei solch großen Bands ist es verständlich, dass sie mit der Zeit gehen. Linkin Park  blicken auf über 20 Jahre Musikerfahrung und Erfolg zurück und haben von Beginn an mit etablierten Künstlern und Bands verschiedenste Kollaborationen auf die Beine gestellt.

Nach sechs überaus erfolgreichen Studioalben (2000 – Hybrid Theory, 2003 – Meteora, 2007 – Minutes To Midnight, 2010 – A Thousand Suns, 2012 – Living Things, 2014 – The Hunting Party) haben sie jetzt sie ein Neues am Start: One More Light heißt der Silberling und wir haben einmal für euch reingehört.

Zum Artwork: Das Cover zeigt die Silhouetten von Kindern die im Sonnenuntergang am Meer spielen. Viel Raum für Interpretation… Ich empfinde es einerseits als sehr beruhigend. Das Meer mit seiner unendlichen Weite und den Geheimnissen, die es verbirgt. Die Sonne, die uns alle am Leben erhält. Und die Kinder, die noch so schön sorglos durch die Welt gehen und ihr ganzes Leben noch vor sich haben. Andererseits schwingt in allem auch eine gewisse Melancholie mit. Das Meer ist nicht nur wunderschön, sondern auch gefährlich. Die Sonne nicht nur Lebens Erhalter und Wärmespender, sondern auch unser Verderben. Und das Wissen, dass auch diese Kinder eines Tages zu Erwachsenen werden, die sich zu viele Sorgen um Kleinigkeiten machen und sich der Schnelllebigkeit der Welt hingeben ohne auch nur zu fragen warum.

Musikalisch berührt mich das Album sehr. Popige Elektro-Sounds gemischt mit sanften Riffs und eher unterschwelligen Drums. Dazu die Stimmen von Lead-Sänger Chester Bennington, die man wohl unter Hunderten heraus hören würde, und Co-Sänger Mike Shinoda, der sich auf Minutes To Midnight erstmals vom Rap abgewendet und zum melodischen Gesang gegriffen hat. Die Texte sind wie gewohnt eingängig und leicht mitzusingen, sind aber auch melancholisch angehaucht und gesellschaftskritisch ausgelegt. Alles harmoniert sehr gut miteinander und die Songs schweben nur so dahin. Musik die einen die Zeit vergessen lässt und auch zum Nachdenken anregt.

Das Album beginnt mit leichten elektronischen Klängen, die sich mit Chesters weicher Stimme mischen. Er zeigt, dass er eben nicht nur gutturale Laute und Schreie aus tiefster Seele von sich geben kann, sondern dass seine Stimme in ihrer Unverwechselbarkeit auch sehr zart und sanft sein kann. Musikalisch schwebt der erste Song wie auf Wolken dahin. Der Text dazu ist hingegen recht melancholisch und ein wenig negativ behaftet, wie man es im Titel Nobody Can Save Me schon erkennen kann. Good Goodbye schließt musikalisch an die Leichtigkeit des Vorgängers an. Durch die Rapper Pusha T and Stormzy hat der Song in den Strophen allerdings wieder etwas hartes. Des Weiteren lassen sich leichte DubStep Elemente heraus hören. Auch hier passt sich Chesters Stimme den Gegebenheiten an und harmoniert wunderbar mit den Rap Parts – diese ist er ja von Band Kollege Mike “gewöhnt”. Es schließt Talking To Myself an. Hier werden die Riffs dann doch wieder etwas stärker und die Drums treten mehr in den Vordergrund. Der aufmerksame Hörer bemerkt, dass der Rock nicht ganz verloren gegangen ist. Auch stimmlich lässt Chester wieder mehr Kraft raus. Ich kann mir vorstellen, dass dieser Song live sogar richtig kracht.

Battle Symphony, die 2. und aktuelle Single (VÖ März 2017), ist wieder etwas ruhiger. Doch die Drums und Gitarren vom vorherigen Song noch immer im Ohr, erweckt es den Eindruck, dass diese nicht wieder so in den Hintergrund rücken wie noch bei den ersten Songs. Auch hier kommt stellenweise das “Biest” in Chester heraus und die Lyrics werden mit mehr Druck performt. Die Message ist klar: durchhalten, egal was kommt “If my armor breaks, I’ll fuse it back together“. Bei Invisible kommt schließlich auch Mike zu Wort bzw. zum Gesang. Musikalisch wird es wieder eine Spur ruhiger, was meiner Meinung nach aber nicht schlimm ist, denn so bleiben Linkin Park sich ihrem Stil auf der Scheibe treu. Die erste Single-Auskopplung Heavy (VÖ Februar 2017) entstand in Zusammenarbeit mit der Sängerin Kiiara. Chester und Kiiara harmonieren in melodischem Gesang, der – wie der Rest der Platte – von melancholischen Lyrics getragen wird. Auf die Kernfrage “Why is everything so heavy?” kann es eigentlich nur eine Antwort geben: “slow things down“. Und Linkin Park haben passend dazu eben auch ihren Sound etwas verlangsamt.

Sorry For Now wird gesanglich von Mike eingeläutet und dominiert. Chester übernimmt eine Art “Rap” Part – witzig die beiden einmal in vertauschten Rollen zu erleben. Auch hier erkennt man wieder deutliche DubStep Elemente, die mit den Linkin Park üblichen elektronischen Klängen gut harmonieren. Von der Bedeutung her geht der Song richtig tief, vor allem wenn man sich bewusst macht, dass sie alle Familie haben. Sie entschuldigen sich dafür, dass sie nicht da sein konnten, da sie andere Dinge zu erledigen hatten und Pläne somit umgeworfen werden mussten. Mit Halfway Right übernimmt wieder Chester den aktiven Gesangspart. Es geht um die Erkenntnis nicht immer alles richtig machen zu können und sich einzugestehen, dass man mit der halben Wahrheit nicht weit kommt. Der Titelsong One More Light ist der ruhigste und am meisten bewegende des Albums. Leichte Gitarren- und Klavierklänge und Chesters einfühlsame Stimme klingen an das Ohr des Hörers. Eine Anklage an die Menschheit:Who cares if one more light goes out? […] Who cares when someone’s time runs out?“. Die Antwort ist ganz klar “Well I Do!” und das sollten auch wir. Wir sollten mehr Herzlichkeit und Menschlichkeit zeigen und uns um die Menschen die uns wichtig sind kümmern. Abgeschlossen wird das Album mit Sharp Edges. Es geht um die Warnung einer Mutter “Sharp edges have consequences“, die man doch zu gern ignoriert hat und nun schmerzhaft daraus lernen musste. Es lockert die schwere des Vorgängers wieder etwas auf indem es wieder popiger wird. Somit ziehen sie wieder den Kreis zum Beginn. Ein schöner Abschluss und Wink mit dem Zaunpfahl über Dinge nachzudenken.

Fazit:

Mit One More Light schlagen Linkin Park musikalisch wieder den Bogen zurück zu A Thousand Suns und Living Things – auch diese beiden Alben waren von Sound her eher popiger – trotzdem ist dieses Album das ruhigste bisher. Sie wissen sich immer neu zu erfinden und alles in allem bleibt es trotzdem irgendwie typisch Linkin Park – nur eben die ruhige Version. Absolute Kaufempfehlung meinerseits, sofern man nicht so verbohrt an Dinge herangeht und auch für Veränderungen offen ist.

Ein Schmankerl gibt es noch: drei Jahre nach der “The Hunting Party Tour” machen Linkin Park im Rahmen ihrer “One More Light World Tour” auch in Deutschland halt. Allerdings nur an einem einzigen Termin: am 12.06. rocken sie die Berliner Mercedes Benz Arena. Ein paar Resttickets sind über die üblichen Kanäle noch verfügbar, also schnell in die Tasten hauen. Sie sind nicht ohne Grund eine der besten Live-Bands und das sollte man sich auf keinen Fall entgehen lassen – unabhängig davon, ob man die neue Stilrichtung nun mag oder nicht. Erfahrungsgemäß werden auch die alten Klassiker gespielt, die alle Fanherzen höher schlagen lassen.

 

Tracklist:

1. Nobody Can Save Me
2. Good Goodbye (feat. Pusha T and Stormzy)
3. Talking To Myself
4. Battle Symphony
5. Invisible
6. Heavy (feat. Kiiara)
7. Sorry For Now
8. Halfway Right
9. One More Light
10. Sharp Edges

 

Release: 19. Mai 2017
Genre: Alternative, Rock-Pop
Label: Warner Bros.
Anspieltipp: Talking To Myself, Heavy, One More Light
Order: www.linkinpark.warnerartists.net/de
Homepage: www.linkinpark.com

 

Text: Steph Lensky